Digitale Arbeit – Zukunftsprognosen

Digitale Arbeit – Zukunftsprognosen

Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Wissenschaftler der Universität Sankt Gallen haben im Auftrag der Telekom 60 Experten zu diesem Thema befragt. Das Credo dieser 2015 veröffentlichten Untersuchung: Die Struktur der Arbeitswelt wird sich unter der fortschreitenden Digitalisierung grundlegend ändern.

Konventionelle Hierarchien und betriebliche Organisationen werden ebenso der Vergangenheit angehören wie die jahre- oder jahrzehntelange Loyalität Angestellter zu ihrem Unternehmen. HR und Personal Recruiting müssen sich diesem Strukturwandel anpassen, wenn sie weiterhin erfolgreich sein wollen. Lesen Sie im Folgenden die wichtigsten Ergebnisse der Studie.

Klassische Organigramme lösen sich auf

Werfen wir zuerst einen Blick auf die Unternehmen selbst und deren Wandel. Das klassische Organigramm mit seinen klar aufgebauten Hierarchien gehört der Vergangenheit an. In der digital dominierten Unternehmenswelt gibt die Technik den Ton an. Konkret gesagt: Software wird nicht mehr individualisiert. Die Firmen passen sich vielmehr den komplexen IT-Systemen an. Die geschlossenen Unternehmensstrukturen werden nach außen geöffnet.

Das Zauberwort heißt Open Innovation: Der Kunde selbst gerät zum Mitgestalter des Produkts oder der Dienstleistung. Ein Begriff, der die Entwicklung widerspiegelt, ist die Wortkreation Prosument, gebildet aus Produkt und Konsument. Der Konsument entwickelt sich zum digitalen Produzenten und übernimmt auf diese Weise unentgeltlich und freiwillig Arbeiten, die bisher professionelle Mitarbeiter geleistet haben.

Unternehmensbindung nein, Projektarbeit ja

Mit der Automatisierung und Digitalisierung von Arbeitsprozessen wandelt sich die Rolle des Menschen in der Arbeitswelt. Der qualifizierte Mitarbeiter wird zum Überwacher von Maschinen und automatisierter Vorgänge. Digitale Arbeitsleistungen können immer besser spezifiziert und global an sogenannte Virtual Laborers vergeben werden. Weniger qualifizierte Menschen erbringen rund um den Globus als Cloud-/Clickworker digitale Leistungen im Akkord.

Die jahrelange Gebundenheit an einen Arbeitgeber löst sich auf allen Leistungsebenen auf. Die Qualifikationen von Arbeitnehmern werden international transparent. Diese Transparenz erlaubt es den Unternehmen, Arbeitsleistung für definierte Projekte einzukaufen. Damit ist Arbeit erstmals ebenso wenig ortsgebunden wie das Kapital. Mit dieser Globalisierung von Projektarbeitsverhältnissen ändern sich auch die Aufgaben von HR radikal. Personal Recruiting wird sich noch stärker digitalisieren als bisher.

Digitale Heimarbeit birgt Chancen und Gefahren

Auch für die Arbeitnehmer selbst wird in der neuen Arbeitswelt vieles anders sein. Die Sicherheit, die ein jahre- oder jahrzehntelanges Beschäftigungsverhältnis bei einem Unternehmen geboten hat, existiert nicht mehr. Es gilt, sich bei jedem einzelnen Projekt immer wieder neu zu orientieren. Durch die Transparenz der Qualifikationen und die Spezifizierung der Aufgaben können Arbeiten kompetenzgerechter zugeteilt werden. Das ist ein Vorteil.

In der digitalen Arbeitswelt wird mehr von zu Hause als in Firmenbüros gearbeitet. Der Gewinn ist für den Arbeitnehmer groß, wenn private Belange so besser in den Arbeitsalltag integriert werden können. Es kann aber zum Nachteil gereichen, wenn der digitale Heimarbeiter seine Arbeits- und Freizeitphasen nicht zu strukturieren vermag (‚always on‚). In der neuen Arbeitswelt setzen sich Menschen durch, die zum Selbstmanagement fähigt sind.

Der Begriff Karriere wird neu definiert

Die Bewertung von Arbeitsleistung und die Voraussetzungen von Karriere werden sich in der Arbeitswelt der Zukunft ändern. Hochlohnländer werden alle Tätigkeiten aufwerten, die eine Interaktion von Mensch zu Mensch voraussetzen. Alle standardisierbaren Prozesse vor allem im Bereich Information and Communication Technology (ICT) entwickeln sich hingegen unter Effizienzdruck zum Gegenstand von Offshoring.

Die Gewinner der neuen digitalen Arbeitswelt sind jene ‚Nerds‘, die von jung an als Tüftler und digitale Wunderkinder in der ICT zuhause sind. Ihre technische Begabung wird ihnen Türen zu Unternehmensetagen öffnen, durch die früher nur brillante Studienabsolventen nach langem Karriereweg gehen durften. Doch auch für jene Menschen mit hohen technischen Qualifikationen wächst in der zukünftigen Arbeitswelt der Leistungsdruck, denn es wird von ihnen zunehmend erwartet geistige Leistungen praktisch umzusetzen.

Fazit

Flexibilität und Entgrenzung – das sind die vielleicht wichtigsten Schlagwörter in der Arbeitswelt der Zukunft. Arbeit ist nicht mehr ortsgebunden. Langfristige Arbeitsprozesse sind nicht mehr personengebunden. Es gibt keine Büros mehr, keine festen Arbeitszeiten, keine gewachsenen Belegschaften. Das prozessorientierte Arbeiten birgt für Arbeitgeber und Arbeitnehmer Chancen und Gefahren.

Transparenz schafft individualisierte Arbeit, erhöht aber auch den Kontrolldruck. Das Home-Office ermöglicht Unabhängigkeit, fordert jedoch gleichzeitig ein diszipliniertes Selbstmanagement. Das Fehlen eines Mitarbeiterstamms kann einem Unternehmen Identität rauben. Die Arbeitnehmer werden in Zukunft permanent mit einem Bein im Arbeitsmarkt stehen. Dementsprechend spontan und schnell wird HR auf die neuen Dienstverhältnisse reagieren müssen.

Quelle

Arbeit 4:0: Megatrends digitaler Arbeit der Zukunft – 25 Thesen. Ergebnisse eines Projekts von Shareground und der Universität St. Gallen.

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