Hoffnungsträger Zeitarbeit: eine vielversprechende Lösung, um Flüchtlinge in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren

Hoffnungsträger Zeitarbeit: eine vielversprechende Lösung, um Flüchtlinge in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren

GermanPersonnel im Gespräch mit dem iGZ und dem vbw.

Es herrscht Skepsis in Deutschland. Arbeiten ohne Deutschkenntnisse – wie soll das gehen? Und wenn der Asylbewerber abgeschoben wird, waren alle Investitionen umsonst?! – Die Krux der Planungsunsicherheit. Und was ist mit den immer wieder vorgetragenen Ängsten, Flüchtlinge nehmen deutschen Arbeitnehmern die Arbeitsplätze weg? – Mindestlohnaufhebung für Flüchtlinge und was bringt die Vorrangprüfung?

Wir haben nachgehakt und berichten im Folgenden über erste Erfahrungen mit der Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt und über Werner Stolz vom iGZ, der in der Arbeitnehmerüberlassung eine Win-win-Situation für die Flüchtlinge UND für Deutschland sieht.

Status quo in Deutschland

Im Land der Dichter und Denker macht man sich Sorgen. Der demografische Wandel wird zunehmend spürbar. Stellen bleiben unbesetzt. Neue Männer (und Frauen) braucht das Land. Und da sind sie auch schon: in Form von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und mittlerweile auch aus vielen anderen Ländern. Meist wird mit dem Wort Flüchtling jedoch automatisch KRISE verbunden.

Die Migration bietet aber auch Chancen, wenn jetzt die Weichen richtig gestellt werden. Der nicht abreißende Flüchtlingsstrom stellt unsere Gesellschaft vor die große Herausforderung diese Menschen schnellstmöglich und langfristig erfolgreich zu integrieren. Arbeiten gilt dabei als besonders vielversprechend, weil ein unkomplizierter Zugang zum Arbeitsmarkt bessere Integrationsperspektiven schafft: Sozialkontakte zu Einheimischen zu pflegen sowie die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Und das Schöne: Die hauptsächlich jungen Männer, die in unser Land kommen, WOLLEN arbeiten.

Die Hürden für den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt sind aber hoch – zu hoch. Darüber sind sich alle einig. Strittig ist jedoch das Ausmaß und der Zeitpunkt des (vollständigen) Arbeitsmarktzugangs für Flüchtlinge. Interessenverbände der Zeitarbeitsbranche, wie der iGZ, setzen sich deshalb stark dafür ein, den Arbeitsmarktzugang für Asylbewerber, insbesondere den Zugang zur Zeitarbeit, zu erleichtern und zu beschleunigen und die Planungssicherheit für Arbeitgeber zu erhöhen.

Arbeiten wollen bedeutet nicht arbeiten dürfen

Flüchtlinge bekommen erst nach Verlassen der Erstaufnahmeeinrichtung, frühestens nach einer 3-monatigen Wartefrist, eine Arbeitserlaubnis. Momentan scheitert die Erteilung der begehrten Arbeitserlaubnis aber oft an der von der Bundesagentur für Arbeit durchgeführten Vorrangprüfung.

Diese überprüft, ob eine Arbeitsstelle nicht mit einem bevorrechtigten Inländer oder EU-Ausländer mit gleicher Qualifikation zu besetzen ist. Die Vorrangprüfung wird stark kritisiert, weil sie nicht personenbezogen durchgeführt wird, sondern nur eine abstrakte arbeitsmarktpolitische Kontrolle darstellt. Nicht nur Andrea Nahles sondern auch Werner Stolz vom iGZ forderen eine Abschaffung der Vorrangprüfung. In vielen Fällen müssen selbst Flüchtlinge mit hoher Bleibeperspektive 15 Monate warten, bis sie eine Arbeitserlaubnis erhalten.

Der Referentenentwurf zum neuen Integrationsgesetz, das im Mai 2016 verabschiedet werden soll, sieht hier einschneidende Veränderungen vor: den Arbeitsmarktzugang für Flüchtlinge erleichtern, indem die strittige Vorrangprüfung für 3 Jahre ausgesetzt wird. Flüchtlinge dürften dann bereits nach der 3-monatigen Wartefrist arbeiten – auch in der Zeitarbeit.

idA 120: Integration durch Ausbildung und Arbeit

Ein engagierter Vorstoß in Richtung Flüchtlingsintegration in den deutschen Arbeitsmarkt kommt aus Bayern: Die Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft e.V. (vbw) und die bayrischen Metall- und Elektro- Arbeitgeber (bayme vbm) haben mit den idA-Projekten ein umfangreiches Maßnahmenpaket auf die Beine gestellt, um Asylbewerber in Ausbildung und Arbeit zu integrieren und Unternehmen bei dieser Integration zur Seite zu stehen. Das Pilotprojekt idA 120 endete vor wenigen Wochen erfolgreich und planmäßig nach 9 Monaten.

109 Flüchtlinge ab 21 Jahren mit hoher Bleibeperspektive und guter Vorqualifikation durchliefen ein 2-monatiges Modul mit intensivem Deutschkurs gefolgt vom 7-monatigen Modul arbeitsmarktpolitischer Integrationsmaßnahmen. Ziel: Zu identifizieren und zu testen, was für eine erfolgreiche Flüchtlingsintegration in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nötig ist sowie Vermittlungs- und Integrationshemmnisse zu erkennen.

Projektabschluss, Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen

35 Teilnehmer konnten nach Abschluss erfolgreich vermittelt werden, was einer Vermittlungsquote von 32 Prozent entspricht und unter den schwierigen Bedingungen einen großen Erfolg darstellt. Hauptgrund, warum den anderen Teilnehmern keine sofortige Übernahme in ein Beschäftigungs- oder Ausbildungsverhältnis gelungen ist, war die Sprache.

Fazit der vbw:

  • Für alle Projektteilnehmer war die Sprache die größte Herausforderung. Da sie die wichtigste Voraussetzung für alle nachfolgenden Maßnahmen darstellt, muss der Spracherwerb zu jeder Zeit bestmöglich gefördert werden.
  •  Die Kompetenzfeststellung der Flüchtlinge ist elementar für eine erfolgreiche Integration. Sie muss frühestmöglich erfolgen, um die richtigen Schritte für den jeweiligen Flüchtling einleiten zu können. Eine höhere Flexibilität der Verwaltungsverfahren und Entscheidungsprozesse ist unumgänglich, um hier erfolgreicher arbeiten zu können.
  • Die persönliche Betreuung sowohl der Flüchtlinge als auch der an idA 120 beteiligten Unternehmen hat sich als wesentlicher Erfolgsfaktor bei dem Projekt gezeigt.

Stellvertretend für die vbw fordert ihr Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt von der Politik: Zuwanderungsbegrenzung, Nichtausweitung innereuropäischer Grenzkontrollen, gemeinsame europäische Lösung bei der Flüchtlingsverteilung und der Bekämpfung der Fluchtursachen, sowie:

  • Rechtssicherheit für Flüchtlinge mit Bleibeperspektive und Unternehmen, die diese einstellen wollen
  • Abbau der Hürden in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt für Flüchtlinge
  • sofortiger Zugang in die Zeitarbeit und Öffnung aller ausbildungsbegleitenden Hilfen für Flüchtlinge

Die Zeitarbeit – in den Startlöchern für die Flüchtlingsintegration

Werner Stolz vom iGZ zeigt in einem ausführlichen Gespräch mit GermanPersonnel auf, warum sich die Zeitarbeit besonders gut für die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt eignet:

  • Die Zeitarbeit hat hohe Erfahrungswerte, nicht nur mit der Beschäftigung von Ausländern (25% Ausländeranteil), sondern auch mit Menschen, die zuvor nicht in einem Beschäftigungsverhältnis standen.
  • Der Betreuungsschlüssel bei Zeitarbeitsfirmen ist im Vergleich zu Mitarbeitern der Bundesagentur für Arbeit wesentlich besser. Für eine gelungene Integration ist eine intensive Betreuung sowohl der Flüchtlinge als auch der sie einstellenden Unternehmen wichtig, weshalb Patenschaftsmodelle so erfolgreich sind. Dies deckt sich mit den Erfahrungswerten aus dem idA 120 Projekt.
  • Viele Zeitarbeitsfirmen sind bereit, in Flüchtlinge zu investieren. Sie sehen in den jungen motivierten Flüchtlingen das Potential, langfristig den Arbeits- und Fachkräftemangel zu reduzieren. Die Möglichkeiten hierfür reichen von zusätzlichen Sprachkursen, fachlichen Qualifizierungsmöglichkeiten, um Personal passgenau für Einsätze zu schulen, bis hin zur konkreten Unterstützung und Einführung in das Arbeitsleben. Dazu gehören Erklärungen von Pausenzeiten, Mülltrennung und Arbeitsabläufen oder Hilfe bei Behördengängen.
  • Hilfe für Arbeitgeber: Die Hemmschwelle, Flüchtlinge zu beschäftigen, sinkt. Die Kundenbetriebe der Zeitarbeitsunternehmen kennen und schätzen die bekannten Vorteile von der Beschäftigung von Leiharbeitnehmern. Engagiert sich ein Zeitarbeitsunternehmen noch darüber hinaus in Form von persönlicher Unterstützung sowie Beratung auch ihrer Kundenbetriebe, so ist allen Seiten geholfen.

Der iGZ weiß um die großen Herausforderungen, die eine erfolgreiche Flüchtlingsintegration mit sich bringen. Werner Stolz distanziert sich vom Ausbeutungsvorwurf der Zeitarbeit und vertritt ein seriöses Vorgehen. Er beklagt die zu hohen Erwartungen der Öffentlichkeit. Integration ist komplex und langwierig. Um Aufklärungsarbeit zu leisten und Unternehmen konkrete Hilfestellungen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen zu geben, hat der iGZ begonnen, Seminare für Mitgliedsunternehmen anzubieten, die zu Integrationsexperten qualifizieren.

Herr Stolz bedauert die noch bestehenden Hürden des Arbeitsmarktzugangs für Flüchtlinge und begrüßt die geplante Aussetzung der Vorrangprüfung – und zwar in allen Bereichen, damit die Zeitarbeit endlich von Flüchtlingen genutzt werden kann. Er verweist dabei auf Schweden, wo es keine Vorrangprüfung gibt, sondern Flüchtlingen ab dem 1. Tag der Arbeitsmarkt offen steht. Die vielfach vorgebrachte Angst, deutsche und ausländische Arbeitnehmer würden auf dem Arbeitsmarkt miteinander konkurrieren hält er für unbegründet.

Insbesondere bei sehr schlechten Sprachkenntnissen kommen Arbeitseinsätze, die z. B. die Einführung in komplizierte Arbeitsschutzmaßnahmen oder auch komplexe Maschineneinweisungen voraussetzen, für Flüchtlinge schlichtweg nicht in Frage, weshalb man nicht von Konkurrenz sprechen kann, so Werner Stolz. Diskutiert wird auch die Aufhebung des Mindestlohns für Flüchtlinge, um diesen den Arbeitsmarkteintritt zu erleichtern. Herr Stolz plädiert für eine Gleichbehandlung und Gleichbezahlung aller Arbeitnehmer und eine Allgemeingültigkeit der Tarifverträge. In diesem Sinne sensibilisiert und informiert er auch die Mitgliedsunternehmen des iGZ.

Der Text basiert auf Informationen des vbw über die idA-Projekte sowie einem Gespräch mit Herrn Stolz vom iGZ. Informationen rund um das Thema Flüchtlingsintegration in den deutschen Zeitarbeitsmarkt finden Sie auch immer unter: www.ig-zeitarbeit.de . Lesen Sie in unserem nächsten Blogartikel: Marco Kainhubers Meinung zum Integrationsinstrument Zeitarbeit. Er ist Geschäftsführer von GermanPersonnel, langjähriger Kenner der Personaldienstleistungsbranche und beschäftigt sich in dem Artikel u. a. mit der Bedeutung der Bleibeperspektive von Flüchtlingen für ihre Einsätze in der Zeitarbeit. Stichwort: Planungs(UN)sicherheit für Arbeitgeber

Was denken Sie über das Thema: Flüchtlingsintegration durch Zeitarbeit? Wir freuen uns über Ihren Kommentar.

Weiterführende Links

Integration durch Ausbildung und Arbeit: IdA 120
Beschäftigung von Flüchtlingen künftig auch in der Leiharbeit möglich

Friederike von Hundelshausen betreut Marcos Recruiting Blog von GermanPersonnel seit Februar 2016 und unterstützt das Social Media Team. Neben dem Schreiben eigener und dem Redigieren fremder Texte plant die Geisteswissenschaftlerin auch die Blog-Themen und organisiert Beiträge von Gastautoren.

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Friederike,

    sehr interessanter Beitrag. Den man online mehr bekannt machen sollte!
    Es muss von vielen gelesen werden, die Angst vor Flüchtlingen haben, damit sie ihre Ängste und Bedenken abbauen könnten! Meiner Meinung nach!

    Viel Erfolg weiter beim Schreiben.

    Herzliche Grüße,
    Taha

    Antworten
    1. Lieber Taha,
      danke für Deinen Kommentar. Auch wenn wir uns schon persönlich darüber unterhalten haben, hier auch noch mal öffentlich sichtbar. 🙂 Ja, Aufklärung und Abbau von Ängsten sind wichtig. Ich freue mich, dass es zunehmend Informations- und Diskussionsveranstaltungen dazu gibt. Am 7.7.2016 ja z. B. auch wieder vom vbw, der im Artikel genannt wird.
      VG Friederike

      Antworten

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