Zeitarbeit in Deutschland ist besser als ihr Ruf!

Zeitarbeit in Deutschland ist besser als ihr Ruf!

Wir haben die Zeitarbeit hier mit dem Ausland verglichen

Zeitarbeit hat in Europa eine lange Tradition: Seit den 1950er Jahren wird das Modell der Arbeitnehmerüberlassung auf Zeit hier genutzt. In Deutschland hat sich Zeitarbeit seit Jahren bewährt. Die gefühlte soziale Gerechtigkeit ist bei uns viel höher als in anderen Ländern. Trotzdem erfolgt momentan wieder eine politisch getriebene Wahlpropaganda der sozialen Gerechtigkeit, die auf dem Rücken der Zeitarbeitsbranche ausgetragen wird. Sie bringt eine deutliche Beeinträchtigung mit sich.

Neben Deutschland bilden unsere Nachbarn Frankreich und die Niederlande sowie Portugal und Spanien die „Top 5“ der Zeitarbeit, in diesen Ländern sind rund 50 Prozent aller in der EU beschäftigten Zeitarbeitsnehmer tätig. Das Modell „Zeitarbeit“ wird jedoch im Ausland sehr unterschiedlich ausgelegt und genutzt, wie ein Blick auf die jeweiligen Besonderheiten zeigt.

 

Die niederländische Fahne

Das 3-Phasen-Modell in den Niederlanden

Seit den 1960er Jahren ist Zeitarbeit in den Niederlanden gesetzlich geregelt, wobei die gesetzlichen Bestimmungen mehrfach weiterentwickelt wurden. Von den rund 8,7 Millionen Erwerbstätigen sind etwa 210.000 oder 2,4 Prozent in der Zeitarbeit beschäftigt.

1998 führten unsere Nachbarn im Westen das 3-Phasen-Modell ein: Zunächst erhält der Zeitarbeitnehmer einen zeitlich begrenzten Arbeitsvertrag, der nur den Einsatz beim Kunden der Zeitarbeitsfirma abdeckt. Sofern der Zeitarbeitnehmer für mindestens 78 Wochen von der Zeitarbeitsfirma beschäftigt wurde, findet der Übergang in die nächste Phase statt.

Der Zeitarbeitnehmer hat nun einen Anspruch auf einen Arbeitsvertrag, der von der Einsatzdauer im Kundenunternehmen unabhängig ist. Konkret bedeutet das, dass erst nach 1,5 Jahren ein Anspruch auf Bezahlung bei Nichtbeschäftigung besteht. Diese Phase gilt für weitere zwei Jahre, so dass Zeitarbeitnehmer in den Niederlanden erst nach 3,5 Jahren einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhalten.

Dennoch ist der Anteil von jungen Zeitarbeitnehmern unter 25 Jahren in den Niederlanden mit 46 Prozent im Vergleich mit den anderen Ländern der EU der Höchste. Ebenso stellt Zeitarbeit eine Chance für den beruflichen Wiedereinstieg aus der Arbeitslosigkeit dar, denn rund 30 Prozent der niederländischen Zeitarbeitnehmer waren vorher ohne Beschäftigung.

 

die französische Fahne

In Frankreich gilt das Agenturprinzip

Von den rund 28 Millionen Erwerbstätigen in Frankreich sind etwa 525.000 Zeitarbeitnehmer, das entspricht einer Quote von 1,9 Prozent. Gesetzliche Regelungen wurden in Frankreich erstmals 1972 erlassen, sie stehen jedoch unter der Prämisse, dass Zeitarbeit ein arbeitsmarktpolitisches Instrument ist, mit dem flexibel auf Auslastungsspitzen reagiert werden soll.

So gilt wie in den Niederlanden das Prinzip, dass der Zeitarbeitnehmer einen Arbeitsvertrag nur für den Einsatzzeitraum beim Kundenunternehmen erhalten, allerdings ohne Aussicht auf eine dauerhafte Übernahme und weitergehende Absicherungen.

Dieses sogenannte Agenturprinzip führt dazu, dass sich der Zeitarbeitnehmer bei Beendigung eines Einsatzes wieder arbeitslos melden muss, Ansprüche auf Lohnfortzahlung, bezahlten Urlaub oder andere Vergünstigungen bestehen nicht. Dafür erhalten Zeitarbeitnehmer in Frankreich einen Bonus von 10 Prozent auf das Grundgehalt, das sich wiederum an den Gehältern der Stammbelegschaft orientiert.

Wohl auch wegen dieser Regelungen genießt Zeitarbeit in Frankreich einen guten Ruf: So ergab eine 2013 durchgeführte Studie, dass rund die Hälfte aller Jobsuchenden der Überzeugung sind, ihre Chancen auf eine dauerhafte Anstellung durch Zeitarbeit zu erhöhen.

 

die portugiesische Fahne

Portugal: Grundsatz des „Equal Pay“ auf niedrigem Niveau

Portugal hat erst 1989 gesetzliche Regelungen für die Zeitarbeit erlassen und im selben Jahr auch den ersten (und bisher einzigen) Tarifvertrag für Zeitarbeitnehmer geschlossen. Die Arbeitslosenquote liegt hier, wie auch in Spanien, deutlich über dem Niveau der Euro-Zone, und die gesetzlichen Mindestlöhne sind erheblich geringer (3,19 Euro/Stunde) als beispielsweise in Deutschland. Etwa 1,7 Prozent aller Beschäftigten in Portugal sind bei Zeitarbeitsunternehmen angestellt.

Zeitarbeitnehmer dürfen in Portugal maximal zwei Jahre als Ersatz für einen abwesenden Mitarbeiter in einem Unternehmen eingesetzt werden, bei dauerhaften Vakanzen ist die maximale Beschäftigung auf sechs Monate begrenzt. Dafür haben sie jedoch Anspruch auf das gleiche Entgelt wie die Regelarbeitnehmer sowie auf Weiterbildungsmaßnahmen.

 

die spanische Fahne

Spanien: Zeitarbeit als Chance für geringqualifizierte Arbeitnehmer

Mit 120.000 Zeitarbeitnehmern bei 22,9 Millionen Erwerbstätigen liegt der Anteil in Spanien (0,5 Prozent) am unteren Rand der EU, was nicht zuletzt an vergleichsweise restriktiven gesetzlichen Bestimmungen liegen dürfte, die erstmals 1994 festgelegt wurden. Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote mit über 25 Prozent im EU-Vergleich erheblich höher. Mehr als die Hälfte aller Zeitarbeitnehmer in Spanien hat keine Ausbildung und nutzt Zeitarbeit als Eintrittschance in den Arbeitsmarkt.

Da sie direkt beim Zeitarbeitsunternehmen angestellt werden, sind spanische Zeitarbeitnehmer vergleichsweise gut gestellt, so erwerben sie beispielsweise einen Anspruch auf Abfindung bei Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses durch das Zeitarbeitsunternehmen. Die maximale Überlassungsdauer ist hier unbegrenzt und auch das Prinzip des Equal Pay ist in Spanien umgesetzt, jedoch liegt der gesetzliche Mindestlohn mit 3,97 Euro wie in Portugal auf sehr niedrigem Niveau.

 

die deutsche Fahne

Zeitarbeit in Deutschland hat ein Imageproblem

Der internationale Vergleich zeigt, dass Zeitarbeit in Deutschland zwar nach wie vor ein Imageproblem hat, die Rahmenbedingungen für alle Beteiligten (Zeitarbeitnehmer, Zeitarbeitsunternehmen und Kunden) jedoch erheblich besser sind als ihr Ruf. Sie ist Sprungbrett für viele Arbeitskräfte aus der Arbeitslosigkeit und besitzt einen großen Integrationsfaktor.

Unter anderem aufgrund von Wahlpropaganda – Stichwort: Wahlkampf der sozialen Gerechtigkeit – und parteipolitischen Ausrichtungen wird sie schlecht geredet, obwohl sie hierzulande sozial verträglich ist und seit Jahren einen wichtigen arbeitsmarktpolitischen Beitrag leistet.

Ein 3-Phasen-Modell wie in den Niederlanden wäre hier ebenso undenkbar wie ein um mehr als die Hälfte niedrigerer Mindestlohn. Deutsche Zeitarbeitnehmer profitieren vielmehr von umfangreichen Sozialleistungen wie dem Anspruch auf bezahlten Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Beschäftigte aus anderen EU-Ländern verwehrt bleiben.

Quellen

Gesetzliche Mindestlöhne in der EU
Zeitarbeit in den Niederlanden
Zeitarbeit in Frankreich
Zeitarbeit in Portugal
Zeitarbeit in Spanien

Christian Praetorius
Christian Praetorius war nach seiner Ausbildung zum Controller (IHK) lange Jahre im Controlling verschiedener Unternehmen tätig. Studium an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Logistik und seit 2012 als freiberuflicher Autor, unter anderem zu HR- und BWL-Themen.

6 Kommentare

  1. Leider sehen die Fakten anders aus und bestätigen den schlechten Ruf. Wer den 12.AÜ-Bericht der Bundesregierung zur Zeitarbeit und die Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Grünen zur Zeitarbeit (2/2016) liest, der wird feststellen, dass in 7 Jahren bis 2015 einschließlich 2/3 der geprüften Erlaumnisinhaber ( mehr als 13.000 Firmen) gegen Gesetze und Tarifverträge verstoßen haben.

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    1. Friederike v. Hundelshausen Friederike v. Hundelshausen

      Um ein genaues Bild zu bekommen, sollte man diesen Bericht gründlich analysieren und die Zahlen gegenchecken. Wie sieht die Verteilung innerhalb der genannten 7 Jahre aus? Zeitarbeit wird zwar häufig noch negativ wahrgenommen, hat aber sehr positive Auswirkungen auf unseren Arbeitsmarkt bewirkt. Im Laufe der Jahre hat sich die Branche weiterentwickelt. Wir versuchen genau diese positive Entwicklung in den Vordergrund zu stellen. Auch in anderen Branchen wird auch nur mit Wasser gekocht und ist eine positive Weiterentwicklung wie in der Zeitarbeit bei weitem nicht erkennbar. (z.B. das Handwerk mit Schwarzarbeit…)

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  2. Was wirklich nervt ist, dass die Brancheverbände keine echte Selbstreinigung schaffen oder nicht daran interessiert sind. Placebos und Schönreden bewirken, da sie inzwischen entlarvt sind, nichts. Es wird vermutet, dass bei den Verbänden kein wirkliches Interesse besteht. Da würde man ja Mitglieder verlieren.

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    1. Friederike v. Hundelshausen Friederike v. Hundelshausen

      Die Aufsichtsbehörde ist die Bundesagentur für Arbeit. Aber natürlich können Sie Ihren Unmut direkt an die Branchenverbände (iGZ und BAP) richten, die vermutlich in einem direkten Austausch mit der Aufsichtsbehörde stehen.

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  3. Die von mir genannten Fakten sind nachzulesen im 12. AÜG Bericht der Bundesregierung und in einer Antwort der Bundesregierung auf auf eine Anfrage der Opposition zur Prüfpraxis der BA. Beides im Internet zu finden. Belege ihrer Behauptung zur positiven Entwicklung der Zeitarbeit (regelkonformes Arbeite) konnte ich bisher nicht finden. Auch der Hinweis auf andere Branchen unterstützt nicht Ihre These.

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    1. Friederike v. Hundelshausen Friederike v. Hundelshausen

      Sehr geehrter Herr Fuhrmann,

      Selbstverständlich haben Sie in der Sache Recht. Selbstverständlich zweifeln wir auch nicht Ihre Quellen an.
      Das Glas ist natürlich immer halb leer…oder eben halb voll!
      Eine Bundesregierung, die sich öffentlich von der Agenda 2010 distanziert, eine Opposition, die die Zeitarbeit am liebsten verbieten würde und eine Aufsichts- und Prüfbehörde welche die politischen Interessen vertreten muss.
      Wir kenne viele gute Unternehmen in der Zeitarbeit, viele Unternehmen die sich trotz wiederkehrender Regulierungen für Ihre Mitarbeiter einsetzen.
      Wir haben eine so niedrige Arbeitslosigkeit wie noch nie in unserem Land, die Branche zahlt Mindestlöhne und Branchenzuschläge. Jetzt kommt die AÜG-Reform und reguliert diesen Markt weiter. Die Bundesagentur diskriminiert offenkundig die Branche in der Umsetzung ihrer „digitalen Agenda“ und trotzdem gibt es diese Unternehmen, die den Maßstab in dieser Branche setzen. Lassen wir uns doch von diesen tollen Unternehmen anstecken und das Glas als halb VOLL betrachten.

      Es geht voran…

      Mit freundlichem Gruß
      Marco Kainhuber

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