Ist es noch Fachkräfte- oder schon Arbeitskräftemangel?

Ist es noch Fachkräfte- oder schon Arbeitskräftemangel?

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes

Deutschland hat ein Problem mit dem demografischen Wandel. Und das wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch deutlicher werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Die Maßnahmen der Politik zur Verbesserung der Zukunftsperspektive wirken jedoch tatsächlich, wenn auch nicht in dem Maße, wie es geboten wäre. Dies zeigen Studien wie die „Arbeitslandschaft 2040“ des Forschungsinstitutes Prognos AG.

Die Studie untersucht in regelmäßigen Abständen die Entwicklungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und erstellt auf Basis aktueller Zahlen Szenarien für die mittelfristige Zukunft. In der aktuellen Studie von Mai 2015 rechnen die Forscher damit, dass 2040 bundesweit rund 3,9 Millionen Fachkräfte fehlen werden.

Den größten Anteil bilden dabei beruflich qualifizierte Arbeitskräfte, also Facharbeiter, Gesellen und Meister, gefolgt von Hochschulabsolventen. Wer über keine berufliche oder akademische Qualifikation verfügt, wird hingegen in Zukunft noch stärker von Arbeitslosigkeit bedroht sein, so die Ergebnisse von Prognos.

Der Arbeitsmarkt in Deutschland – ein hoffnungsloser Fall?

Auch für die nähere Zukunft zeichnen die Forscher ein ernüchterndes Bild: Sie gehen davon aus, dass bereits im Jahr 2020 etwa 1,8 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden, davon 1,2 Millionen mit einem qualifizierten Berufsabschluss und 500.000 mit Hochschulabschluss. Im Vergleich zur vorherigen Studie (Arbeitslandschaft 2035, veröffentlicht 2012) sind das insgesamt 100.000 fehlende Arbeitskräfte mehr.

Dennoch weisen die aktuellen Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (Stand Januar 2017) eine Beschäftigung von 31.716.000 Personen und damit eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 332.000 Arbeitnehmer auf. Im Vergleich zum Referenzjahr 2004 (100) hat sich der Stellenindex als Indikator für die Nachfrage nach Arbeitskräften mehr als verdoppelt, auf einen historisch hohen Wert von 228, mit seit Jahren steigender Tendenz. Kommt also vor dem Fachkräfte- der Arbeitskräftemangel? Ist es vielleicht bereits so weit, dass Stellen aufgrund von Arbeitskräftemangel nicht besetzt werden können?

Arbeitskräftemangel und die Auswirkungen der Bildungsexpansion

Für die Zukunftsforscher von Prognos ist ein realer Arbeitskräftemangel bereits in wenigen Jahren zu erwarten. Und was noch schlimmer ist: Der Mangel an Arbeitskräften betrifft nahezu alle Fachrichtungen und Berufe. Am stärksten werden ihrer Einschätzung nach der Dienstleistungssektor – und hier im besonderen Maße Gesundheits- und Pflegeberufe – sowie das verarbeitende Gewerbe (Fertigung, aber auch Forschung und Entwicklung) betroffen sein.

Positiv heben die Forscher die politisch forcierte Bildungsexpansion hervor, die dazu führt, dass die jüngere Bevölkerung besser ausgebildet ist als ältere Arbeitskräfte. Insbesondere konnte so die Anzahl von Hochschulabsolventen in den letzten Jahren erhöht werden, auch wenn sich das auf den vielfach beschworenen Fachkräftemangel nur insofern auswirkt, als der Mangel an Akademikern abnimmt, sich dafür jedoch der Mangel an beruflich qualifizierten Fachkräften vergrößert.

Erfolgsmodell Zeitarbeit

Auch der Zeitarbeitsmarkt profitiert von der anhaltend guten Konjunkturlage in Deutschland. So waren im Juni 2016 erstmals mehr als eine Million Beschäftigte bei Zeitarbeitsunternehmen tätig, das entspricht einem Anteil von rund drei Prozent aller Beschäftigten. Zeitarbeit wird dabei vor allem zur kurzfristigen Überbrückung von Vakanzen genutzt, denn knapp drei von zehn Beschäftigungen wurden nach weniger als einem Monat beendet. Nur 15 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse erstreckten sich über einen Zeitraum von mehr als 18 Monaten.

 

 

 

Fachkräftemangel in Deutschland

Ein Arbeitskräftemangel bedeutet für die Zeitarbeit: Zeitarbeitsfirmen können ihren Kunden für den bisherigen Preis keine Mitarbeiter mehr anbieten. Weil der Markt knapper wird, steigen auch die Recruiting-Kosten. Es wird künftig einfach nicht mehr genug Mitarbeiter geben. Aus diesem Grund müssen Zeitarbeitsfirmen ihr Geld besser und gezielter einsetzen, um weiterhin den Personalbedarf decken zu können.

Zudem steht die Zeitarbeitsbranche vor der Umsetzung der AÜG-Reform, die nachhaltige Veränderungen für die Branche mit sich bringt und die Dienstleistung zusätzlich teurer macht. Hierzu finden Sie weiterführende Infos unter AÜG-Reform: Marco Kainhubers Tipps für Personaldienstleister.

Und was hilft in Zukunft gegen den Mangel?

Nach Einschätzung der Zukunftsforscher arbeitet die Demografie auch in Zukunft gegen uns: Zwischen 2012 und 2040 wird die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland um neun Prozent (3,7 Millionen Menschen) abnehmen. Zum Vergleich: In der Zeit zwischen 1995 und 2012 stieg sie um 9,5 Prozent an.

Mit diesen 5 Handlungsfeldern soll dem Wandel gegengesteuert werden:

– Beschäftigungschancen verbessern
(insbesondere für Frauen und geringqualifizierte Arbeitskräfte)

– Arbeitszeiten verlängern
(gemeint ist hier eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit und nicht die Erhöhung des Renteneintrittsalters)

– Erhöhung der Erwerbsbeteiligung
(Verbesserung der Work-Life-Balance, Förder- und Weiterbildungsmaßnahmen für Mütter zum Wiedereinstieg in das Berufsleben)

– breite Bildungsoffensive
(sowohl für Hochschulabsolventen als auch für berufliche Abschlüsse)

– gezielte Gestaltung der Zuwanderung
(wobei die Studie bereits von einer durchaus optimistischen jährlichen Zuwanderung von netto 200.000 Arbeitskräften ausgeht)

Die größten Chancen sehen die Forscher in einer Erhöhung der Erwerbsbeteiligung, die sie mit rund zwei Millionen Arbeitskräften bewerten. Den größten externen Hebel stellt natürlich die Zuwanderung dar, also eine Vergrößerung des Arbeitskräftepools. Allerdings muss sich Deutschland hierbei sowohl innerhalb Europas als auch weltweit dem Wettbewerb stellen – und natürlich politisch und gesellschaftlich die Weichen richtig stellen.

Die Lage ist ernst, denn der Fachkräftemangel kann und wird sich in Zukunft noch deutlicher zu einem Arbeitskräftemangel entwickeln. Schon heute klagen Unternehmen über offene Stellen, für die über lange Zeit keine geeigneten Bewerber zur Verfügung stehen. Damit droht uns mittelfristig, dass Deutschland seine Vorreiterrolle in Europa und der Welt verlieren wird, wenn wir nicht handeln und Gegenmaßnahmen ergreifen.

Quellen

Prognos: Arbeitslandschaft 2014
Bundesagentur für Arbeit: Arbeitsmarkt in Deutschland
Bundesagentur für Arbeit: Arbeitsmarktberichte

Christian Praetorius war nach seiner Ausbildung zum Controller (IHK) lange Jahre im Controlling verschiedener Unternehmen tätig. Studium an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Logistik und seit 2012 als freiberuflicher Autor, unter anderem zu HR- und BWL-Themen.

2 Kommentare

  1. Timo

    Guten Tag.
    Das Problem des Fachkräftemangels ist von den Firmen größtenteils hausgemacht. Konserativ arbeitende personalabteilung mit geringen hang zur Flexibilität. Der gesuchte mitarbeiter muss doch zu 100% mit der stellenausschreibung übereinstimmen, mitarbeiterentwicklung ist zu teuer und das einstiegsgehalt muss günstig sein. Solange unternehmen mit diesen unflexiblen mustern mitarbeiter suchen finden sie diese nicht.

    In meinem fall habe ich knapp zwei Jahre nach meiner Techniker Schule endlich einen Job im grossraum hamburg gefunden. Viele stellen habe ich nicht angenommen, da der einstieg nicht attraktiv war.

    Jedes Unternehmen fordert bedingungslose flexibilität vom zukünftigen Mitarbeiter, aber nur wenige Unternehmen leben diese Flexibilität vor. Das fängt schon beim Bewerbungsgespräch an.

    Antworten
    1. Friederike v. Hundelshausen

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Das Angebot an verfügbaren Arbeitskräften ist jedoch geringer als der Bedarf. Dies sind belegte Fakten, siehe die Ergebnisse des statistischen Bundesamtes (hier wird noch ein link eingefügt). Das hat nichts mit mangelnder Flexibilität zu tun. Jedoch, und da geben wir Ihnen Recht, Unternehmen müssten in dieser prekären Lage noch viel flexibler sein als sie es momentan sind. Das ist bedauernswert. Wir freuen uns, dass Sie nach dem langen Suchen einen Job gefunden haben und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute.

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.