Der Klebe- und Sprungbretteffekt in der Zeitarbeit

Der Klebe- und Sprungbretteffekt in der Zeitarbeit

Der Anteil der Zeitarbeitnehmer in Deutschland hat sich zwischen 2005 und 2015 mehr als verdoppelt. Rund 70 Prozent aller Zeitarbeitnehmer waren zuvor nicht in einem Beschäftigungsverhältnis. Der Großteil davon war vorher sogar arbeitslos gemeldet. Auffällig ist, dass der Anteil von ausländischen Zeitarbeitnehmern im Vergleich zur übrigen Bevölkerung deutlich höher liegt. Im Jahr 2015 hatte etwa jeder vierte Beschäftigte in der Zeitarbeit ausländische Wurzeln.

Unterschiedliche Erwartungen und Ziele

Für Kundenunternehmen ist vor allem die Pufferfunktion der Zeitarbeit von Bedeutung. Mit Zeitarbeitnehmern können sie temporäre Vakanzen besetzen und saisonale oder konjunkturelle Schwankungen ausgleichen. Zudem können sie Mitarbeiter zunächst als Zeitarbeiter einstellen und später in den eigenen Mitarbeiterstamm übernehmen.

Aus der Perspektive des Arbeitnehmers soll eine Beschäftigung in der Zeitarbeit vor allem dazu dienen, eine Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder (möglichst auf Dauer) zu beenden. Das Ziel dabei ist in der Regel, die Chance zu nutzen, um darüber in eine Festanstellung außerhalb der Zeitarbeit wechseln zu können.

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Gekommen, um zu bleiben: der Klebeeffekt

Von einem Klebeeffekt in der Zeitarbeit wird gesprochen, wenn der Zeitarbeitnehmer direkt im Anschluss an seinen Einsatz durch das Kundenunternehmen übernommen wird. Der Arbeitnehmer bleibt sozusagen im Kundenunternehmen „kleben“.

Eine Studie aus dem Jahr 2009 geht von einem eher geringen Effekt von 5 bis 7 Prozent aus. Eine weitere Studie von 2011 setzt einen Klebeeffekt von maximal 14 Prozent an. Dieser Anteil der Zeitarbeitskräfte wurde von ihrem Einsatzbetrieb in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis übernommen. Hingegen wird in der öffentlichen Diskussion oftmals ein Klebeeffekt von etwa 30 Prozent postuliert – auch von vielen Zeitarbeitsunternehmen.

Übrigens ist die Chance, kleben zu bleiben, statistisch gesehen am höchsten bei kleinen Betrieben sowie in Branchen, die unternehmensnahe Dienstleistungen anbieten.

Mit Anlauf zum Job: der Sprungbretteffekt

Viele Zeitarbeitsnehmer hoffen, entweder direkt von einem Kundenunternehmen übernommen zu werden oder zumindest durch die Zeitarbeit ihre Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung bei einem anderen Unternehmen zu erhöhen. Für eine Sprungbrettfunktion der Zeitarbeit spricht etwa, dass die Beschäftigten Kenntnisse und Wissen aufbauen. Dazu kommt, dass sie sich ihre generelle Beschäftigungsfähigkeit erhalten.

Auch können in der Zeitarbeit wichtige Kontakte und Netzwerke geknüpft werden. Aus diesen kann sich später ein neues Beschäftigungsverhältnis entwickeln. Als problematisch stellt sich dabei jedoch häufig die Tatsache heraus, dass Zeitarbeitskräfte während des Einsatzes nur eingeschränkt nach offenen Stellen in einer anderen Branche suchen können und damit neue berufliche Perspektiven nicht bestehen.

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Türkische Migranten profitieren am stärksten

Besonders deutlich profitieren Ausländer am Arbeitsmarkt von den genannten Effekten. Das geht aus einer aktuellen Auswertung des IAB aus dem Jahr 2016 hervor. Sie stellt fest, dass für diese Gruppe etwa der Sprungbretteffekt stärker ausgeprägt ist als für Deutsche, besonders bei Ausländern mit türkischen Wurzeln.

Doch auch für andere arbeitslose Erwerbsfähige verbessert eine Beschäftigung in der Zeitarbeit auf längere Sicht die Chancen auf eine Anstellung im regulären Arbeitsmarkt. Sind es im ersten Monat nach Beginn der Zeitarbeit noch sechs Prozent, so steht nach einem Jahr bereits jeder Dritte in einem Beschäftigungsverhältnis außerhalb der Zeitarbeit.

Der Wettbewerbsdruck steigt im Recruiting

Für Zeitarbeitsunternehmen bedeuten Sprungbrett- und Klebeeffekt vor allem, dass sie ihre Anstrengungen im Recruiting weiter erhöhen müssen. Denn in Zeiten, in denen in vielen Branchen nicht nur ein Mangel an Fachkräften, sondern ein genereller Arbeitskräftemangel besteht, stehen Zeitarbeitsunternehmen im intensiven Wettbewerb – nicht nur miteinander, sondern zunehmend auch mit den Unternehmen und Betrieben vor Ort.

Durch den Klebeeffekt ist ein effizientes, kostengünstiges Recruiting besonders wichtiger für Zeitarbeitsfirmen.

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Reisende soll man nicht aufhalten

Der Klebeeffekt ist dazu geeignet, das Image der Zeitarbeit in Deutschland und den Ruf des eigenen Unternehmens zu verbessern. Wer seine Mitarbeiter fördert und ihnen beispielsweise Sprach- oder Integrationskurse finanziert, kann sich dadurch positiv vom Wettbewerb abheben.

Zwar erhöhen solche Maßnahmen die Chancen des Klebeeffekts, doch wie eine Umfrage unter Zeitarbeitsunternehmen in NRW aus dem Jahr 2013 ergab, sehen die meisten befragten Unternehmen diese Tatsache durchaus positiv: Fast alle sind davon überzeugt, dass der Klebeeffekt eine stärkere Kundenbindung erzielt, also letztlich eine Win-win-win-Situation darstellt, von der Arbeitnehmer, Kunden- und Zeitarbeitsunternehmen gleichermaßen profitieren.

Zudem schätzen die befragten Zeitarbeitsunternehmen mehrheitlich, dass der Klebeeffekt künftig in der Zeitarbeit insgesamt und auch in ihrem Unternehmen steigen oder sogar stark zunehmen wird.

Insbesondere große Zeitarbeitsunternehmen rechnen für die Zukunft mit einem wachsenden Klebeeffekt.

Sie wappnen sich bereits jetzt dafür, indem sie ihre Recruiting-Prozesse immer wieder kritisch hinterfragen und optimieren, um im Wettbewerb um Fach- und Arbeitskräfte zu bestehen. Lesen Sie nächste Woche auch unseren Artikel „Zeitarbeitsfirmen in Deutschland – Wie sich die Landschaft unserer Personaldienstleister verändert“.

Quellen

IAB-Kurzbericht: Zeitarbeit kann Perspektiven eröffnen.
Ausgewählte Ergebnisse einer Befragung von Zeitarbeitsunternehmen in NRW: Der Klebeeffekt der Zeitarbeit aus Sich der Zeitarbeitsunternehmen.

Christian Praetorius
Christian Praetorius war nach seiner Ausbildung zum Controller (IHK) lange Jahre im Controlling verschiedener Unternehmen tätig. Studium an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Logistik und seit 2012 als freiberuflicher Autor, unter anderem zu HR- und BWL-Themen.

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