Flüchtlinge in der Zeitarbeit

Flüchtlinge in der Zeitarbeit

Der lange Weg zur Integration – Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland

Eine aktuelle Studie des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie Flüchtlinge in Deutschland eine berufliche Perspektive entwickeln. Demnach haben rund 13 Prozent aller befragten Unternehmen im vierten Quartal 2016 jemanden eingestellt, der seit dem Jahr 2014 in Deutschland Schutz vor Verfolgung und Krieg suchte. 16 Prozent planen eine Einstellung und acht Prozent der Betriebe die Ausbildung von Flüchtlingen.

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Die Zeitarbeitsbranche schafft Perspektiven

Die größte Bedeutung bei der Schaffung von beruflichen Perspektiven für Flüchtlinge haben nach Erkenntnissen des IAB die deutschen Zeitarbeitsunternehmen. Von den befragten Betrieben hat mehr als jeder Vierte bereits Erfahrungen mit Flüchtlingen gesammelt, also konkret Bewerbungs- und Vorstellungsgespräche geführt. Damit liegt diese Branche deutlich vorne. Ihr folgen Betriebe des Gastgewerbes und der Bereiche Erziehung und Unterricht.

Ein Beispiel aus München zeigt, wie sehr Zeitarbeit die Integration nicht nur fördern, sondern was sie konkret leisten kann. Das gemeinnützige Zeitarbeitsunternehmen Social-Bee GmbH beschäftigt ausschließlich Flüchtlinge. Es hat ein eigenes Personalentwicklungs-Programm aufgestellt, mit dem Flüchtlinge nicht nur Deutschkenntnisse, sondern auch andere wichtige Soft Skills erwerben können, die für die Integration im Berufsleben von wesentlicher Bedeutung sind.

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Signifikanter Sprungbretteffekt der Zeitarbeit für Flüchtlinge

Rund jedes achte Zeitarbeitsunternehmen hat bereits Einstellungen von Flüchtlingen vorgenommen und damit einen wichtigen Beitrag zu deren beruflicher und gesellschaftlicher Integration geleistet. Das wird durch eine andere Studie des IAB aus dem Jahr 2016 untermauert. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass Zeitarbeit für viele Ausländergruppen einen stärkeren Sprungbretteffekt in andere Beschäftigungsverhältnisse aufweist, als bei deutschen Arbeitnehmern. Auch die Macher von Social-Bee verstehen sich als Sprungbrett und wollen ihre Mitarbeiter in die Lage versetzen, nach spätestens 18 Monaten in den regulären Arbeitsmarkt zu wechseln.

Deutschland braucht mehr Fachkräfte

Es steht außer Frage, dass es in Deutschland mittel- bis langfristig nicht nur an Fachkräften, sondern auch generell an Arbeitskräften fehlen wird. Flüchtlinge könnten und können hier eine wertvolle Unterstützung leisten. Allein schon deswegen, weil die meisten von ihnen zwischen 20 und 25 Jahre alt sind. Da kann es schon erstaunen, dass nur rund 16 Prozent aller vom IAB befragten Unternehmen planen, einen oder mehrere Flüchtlinge einzustellen.

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Ohne Sprachkenntnisse keine Perspektive

Als Hauptgrund dafür, bisher keine Flüchtlinge eingestellt zu haben, wurden mangelnde Sprachkenntnisse genannt. Denn ohne die Möglichkeit, sich zu verständigen, ist die Einarbeitung oder die Übertragung von Aufgaben schwierig bis unmöglich.

Auf der anderen Seite können geduldete Flüchtlinge keine amtlichen Deutschkurse besuchen. Der Zugang zu Förder- und Qualifizierungsmaßnahmen ist ihnen erst nach einem positiven Asylbescheid möglich. Integration kann so also erst beginnen, wenn über den Asylantrag entschieden wurde. Dies ist immer noch oft mit monatelangen Verzögerungen verbunden.

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Der Gesetzgeber stellt die Weichen

Seit Oktober 2015 sind jedoch zumindest gesetzliche Regelungen gelockert worden. So ist seitdem die Beschäftigung von Personen mit Aufenthaltsgestattung oder Duldung möglich, auch in der Zeitarbeit. Voraussetzung dafür ist, dass sie sich bereits länger als 15 Monate in Deutschland aufhalten. Bei kürzerem Aufenthalt ist eine Beschäftigung nur möglich, wenn keine Vorrangprüfung erforderlich ist.

Und selbst die wird mit dem neuen Integrationsgesetz außer Kraft gesetzt. Seit dem 1. August 2016 können die Bundesländer entscheiden, ob in den Agenturbezirken der Bundesagentur für Arbeit auf die Vorrangprüfung verzichtet wird.

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Fünf Jahre Sicherheit für Betriebe und Flüchtlinge

Auch die neue „3+2-Regelung“, die im Integrationsgesetz festgeschrieben wurde, stellt die richtigen Weichen. Sie ermöglicht es, dass Flüchtlinge eine in der Regel 3-jährige betriebliche Ausbildung durchlaufen und danach für weitere 2 Jahre beschäftigt werden können. Das erhöht die Planungssicherheit der Betriebe und damit auch die Bereitschaft, Flüchtlinge auszubilden. Mehr als 8 Prozent aller befragten Unternehmen gaben an, einen Flüchtling als Azubi einstellen zu wollen, rund 20 Prozent, dass sie generell Ausbildungsplätze ausschreiben.

Es scheint also, als würde das Thema Flüchtlinge in Deutschland endlich zunehmend als Chance statt als Bedrohung angesehen werde. Zwar setzt die erfolgreiche Integration im Berufsleben voraus, dass alle Beteiligten zusätzliche Anstrengungen unternehmen müssen – Flüchtlinge, Betriebe und Staat gleichermaßen. Doch zumindest der Trend zeigt, dass die Anstrengungen sich lohnen können und im besten Fall eine Win-win-Situation ergeben, von der alle profitieren.

Vor einem Jahr haben wir bereits ausführlich über die Flüchtlingsintegration in den deutschen Arbeitsmarkt und die damit verbundenen Herausforderungen geschrieben: Hoffnungsträger Zeitarbeit und Integrationsinstrument Zeitarbeit: neue Argumente. Die Thematik ist noch immer aktuell.

Quellen und Links

IAB Kurzbericht: Geflüchtete kommen mehr und mehr am Arbeitsplatz an, Nürnberg 2017.
IAB Kurzbericht: Zeitarbeit kann Perspektiven eröffnen, Nürnberg 2016.
Wessel, Wie eine Zeitarbeitsfirma Flüchtlinge integriert, in: Süddeutsche Zeitung 21.6.2017.

Christian Praetorius
Christian Praetorius war nach seiner Ausbildung zum Controller (IHK) lange Jahre im Controlling verschiedener Unternehmen tätig. Studium an der SRH Hochschule für Wirtschaft und Logistik und seit 2012 als freiberuflicher Autor, unter anderem zu HR- und BWL-Themen.

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