Weinen im Job – authentisch oder schwach?

Weinen im Job – authentisch oder schwach?

Müssen wir unsere Gefühle stets im Griff haben?

Auch wenn empathische Chefs und authentische Mitarbeiter mittlerweile deutlich an Stellenwert gewonnen haben, so ganz verscheucht sind sie noch nicht, die alten Geister. Wer im Job weint, läuft immer noch Gefahr als nicht belastbar, als schwach und als Weichei, der besser keine Verantwortung trägt, angesehen zu werden. Professionalität und Tränen beißen sich in vielen Situationen noch immer. Dies beruht aber meistens auf eigener Unsicherheit, wie man mit den Tränen von Kollegen, Mitarbeitern oder sogar Vorgesetzten richtig umgehen sollte. Icon grüner Punkt

Weinen ist in vielen Unternehmen immer noch ein Tabu

Empathisch. Authentisch. Und dazu noch spontan und kreativ – das alles sollen Mitarbeiter in einem Unternehmen sein. Für Führungskräfte gilt dies fast noch mehr als großes Idealbild. Nicht umsonst ist der Manager als Mensch wohl eines der größten Seminarthemen in der Arbeitswelt. Aber zu menschlich soll es dann auch wieder nicht sein. Die Authentizität hat nach wie vor in den meisten Unternehmen Grenzen.

Ob eine private Notlage, berufliche Rückschläge oder sogar persönlich verletzende Demütigungen – Tränen sind dabei immer noch vielerorts tabu. Gerade in analytisch und männlich geprägten Branchen, wie zum Beispiel dem Bankwesen oder der Bauwirtschaft, sind Tränen traditionell verpönt. Zwar sind Frauen von einer Weinattacke grundsätzlich häufiger betroffen als Männer, aber beim männlichen Geschlecht hat das Weinen oftmals drastischere Konsequenzen.

Icon grüner Punkt

Untersuchungen belegen: Frauen weinen im Job vor allem im Zuge von Konfliktsituationen

Laut Untersuchungen der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) weinen Frauen bis zu insgesamt 64 mal pro Jahr. Männer weinen demgegenüber nur bis zu 17 mal im Jahr. Während es sich bei Frauen in der Mehrzahl um rein emotionale Tränen aufgrund leistungsbezogener Gründe handelt, weinen Männer eher wegen persönlicher Belastungen – z. B. wenn sie „mit dem Rücken zur Wand stehen“ oder aus empathischen Gründen. Gerade im Job ist dies zu beobachten.

So kommen Frauen zumeist in Konfliktsituationen die Tränen oder auch wenn das Gefühl von persönlicher Unzulänglichkeit aufkommt. Wer aber auch immer im Job weint – bei vielen Führungskräften bzw. Vorgesetzten kommt es nach wie vor nicht gut an, wenn die eigenen Mitarbeiter im Berufsalltag weinen. Viele zögern dann in der Folge, dem weinenden Mitarbeiter bzw. der weinenden Mitarbeiterin weiterhin Verantwortung zu übertragen. Je nach Vorgesetztem und Einstellung können sich Arbeitnehmer sogar die Karriere verbauen, wenn sie ihre Tränen nicht unterdrücken.

Icon grüner Punkt

Weinen im Job: Gute Vorgesetzte beweisen emotionale Intelligenz

Dabei stellen eigentlich Situationen mit weinenden Mitarbeitern eine Chance vor allem für Vorgesetzte respektive Führungskräfte dar. Denn durch den richtigen Umgang mit weinenden Mitarbeitern kann ein Vorgesetzter seine eigene emotionale Intelligenz unter Beweis stellen und diese auch weiterentwickeln.

In mehreren Studien hat der Arbeitspsychologe Gerhard Blickle aus Bonn herausgefunden, dass eine Führungskraft bzw. generell ein Mensch mit einem guten Verständnis für emotionale Situationen in der Regel auch beruflich weiter vorankommt als die Kollegen mit emotionsärmeren Attributen.

Wenn bei jemandem dann plötzlich alle Dämme brechen, heißt es für eine Führungskraft einen kühlen Kopf zu behalten. Wichtig ist dabei, dass die Führungskraft als erstes die Ursache diagnostizierst. Sie kann der weinenden Person zwar ein Taschentuch reichen, sollte aber immer klar das Ziel verfolgen, die Gründe schnell abzuklären.

Icon grüner Punkt

Der richtige Umgang: Auslöser identifizieren und Lösungswege kreieren

Liegen die Gründe rein im privaten Bereich, kann es schon helfen, den jeweiligen Mitarbeiter einfach den Tag freizustellen. Liegt der Grund stattdessen im Unternehmen bzw. im Arbeitsalltag müssen die Ursachen detailliert auf den Tisch kommen und anschließend Lösungswege gefunden werden. Das ist in diesem Fall die Aufgabe der Führungskraft. Mit Mitgefühl sollten Vorgesetzte dagegen vorsichtig umgehen. Arbeitspsychologen warnen hier davor, dass dies in vielen Fällen nicht glaubhaft wirkt.

Verzichten sollte eine Führungskraft dabei immer auf die Warum-Frage. Diese kann zu noch mehr Tränen führen, was Mitarbeiter und Chef gleichzeitig noch mehr verunsichert.

Hier bietet es sich an, die neutrale Frage „Was ist los?“ zu stellen. Arbeitspsychologen raten diesbezüglich dazu, anschließend den Mund zu halten und die oftmals eintretende Stille zu ertragen. Aktives Zuhören ist angesagt. Die Erfahrung zeigt, dass sich aber viele Chefs erst gar nicht trauen, nach dem Auslöser für das Weinen zu fragen. Dies hat oftmals etwas mit der Angst vor unangenehmen Wahrheiten zu tun. Ist man als Chef vielleicht sogar selbst nicht ganz unschuldig an dieser Situation?

Icon grüner Punkt

Weinen kann ein Unternehmen auch weiterbringen

Richtig knifflig wird es, wenn eine Führungskraft vor den Mitarbeitern weint. Ein solcher Vorfall verunsichert die Angestellten. Der Chef scheint keine Lösungen mehr zu haben. Es droht Gesichtsverlust, sofern es sich nicht um einen persönlichen Schicksalsschlag handelt.

Auch aufgrund von Mobbing oder Kritik wird in deutschen Unternehmen öfter geweint. Hier muss prompt gehandelt werden. Die Situation abbrechen, Pause machen, Gespräche führen – das ist in so einem Fall explizit wichtig. So merken alle Beteiligten selbst schnell, dass sie zum Beispiel mit persönlicher Kritik weit übers Ziel hinausgeschossen haben.

Das Weinen von Mitarbeitern innerhalb einer Gruppe oder Abteilung liefert auch immer wichtige Hinweise darauf, dass etwas schief läuft. Einen solchen Vorfall einfach zu ignorieren oder mit einem kurzen Vier-Augen-Gespräch zu beenden, greift zu kurz. Denn zum Menschen gehört nun einmal auch das Weinen. Tränen sind emotional und berühren uns. Die Hüllen werden fallen gelassen. Weinen kann daher nicht einfach als Schwäche belächelt werden.

Weinen (aus beruflichen Gründen) zeigt fast immer auch einen Wunsch auf Veränderung auf. Deshalb bringt Weinen einen selbst, die Kollegen, die Vorgesetzten und so das ganze Unternehmen auch weiter. Schließlich bringt Weinen mehr Menschlichkeit und Gefühl in die Arbeitswelt, wirkt authentisch bzw. ehrlich und eröffnet Mitarbeitern wie Führungskräften die Möglichkeit zur ehrlichen, offenen Kommunikation. Wenn Konfliktsituationen ganz verfahren sind und sich die Fronten verhärten, ist Zeit für einen Mediator.

Dieser Arbeitslebenartikel ist Teil von „Marcos Recruiting Blog“. Marco Kainhuber ist Geschäftsführer des Software-Unternehmens GermanPersonnel. Wir bieten intelligente, datenbasierte Recruiting-Lösungen. Nehmen Sie mit uns Kontakt auf, wenn Sie Fragen zu unserer E-Recruiting-Software PERSY, unseren POSTER-Shop für Personalbeschaffung oder zu unserer Recruiting-Agentur PERGENTA haben. Ganz neu in unserem Portfolio ist PARTS für eine programmatische, zielgruppenspezifische und kostenoptimierte Ausspielung von Stellenanzeigen.

GermanPersonnel-Team

Die GermanPersonnel-Team-Beiträge sind immer das Werk mehrerer Autoren. Es handelt sich entweder um extern in Auftrag gegebene Texte, die intern angepasst, bzw. umgeschrieben wurden oder um Texte von einer/einem oder mehreren Kolleginnen/Kollegen, die ebenfalls von Friederike aus dem Content Marketing überarbeitet wurden.

Abonnieren Sie Ihren RSS-Feed:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.